''Chau Tran''
© CHAU TRAN (QING LIAN)    ''Qing Lian''
© CHAU TRAN (QING LIAN)

CHAU TRAN, geboren 1949 im Süden von Vietnam als Sohn südchinesischer Eltern aus der Provinz Kanton, China.
Chinesischer Name Chen Ying Yi 陳英義, Künstlername QING LIAN 青濂.

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© CHAU TRAN (QING LIAN)



Hyde Park



Meine Eltern konnten trotz aller Hindernisse die Sozialistische Republik Vietnam endlich 1990 verlassen und sind nach Australien ausgewandert, wo mein ältester und jüngster Bruder bereits seit dem Jahr 1978 lebten. Im Jahr 1991 mache ich mich das zweite Mal auf den Weg nach Australien, das erste Mal nach 12 Jahren meine Eltern wiederzusehen. Die Reise war für mich sehr mühsam, weil sie bis zu vierundzwanzig Stunden gedauert hat.

Meine Eltern wohnen mit meiner jüngsten Schwester in einem Stadtteil von Sydney City, einer Stadt, die für mich eine der Weltmetropolen ist und in der ich mich sehr wohl fühle. Wenn ich nicht auf der Reise bin, fahre ich oft nach Sydney, um Neues zu entdecken und zu erleben.

Heute fahre ich nach dem Besuch von Sydney-Chinatown mit einem schmackhaften süd-chinesischen späten Frühstück direkt zu David Jones und erledige einen Einkauf. Das Kaufhaus David Jones ist nahe am Hyde Park.

Wenn ich den Hyde Park besuche ist er oft voller Besucher. Für die Arbeiter in der Nähe ist der Hyde Park der Lieblings-Mittagspausenort. Ich habe heute Glück. Eine Sitzbank für mich alleine unter den hohen Bäumen. Sonst spaziere ich nur durch den Park und sitze auf der Eingangstreppe des War-Memorials oder ich sitze in der Kathedrale. Nicht wegen des Glaubens, sondern nur für eine Ruhepause.

Auf der Sitzbank mir gegenüber auf der anderen Seite des Gehweges sitzt bereits eine alte Dame. Sie trägt ein altmodisches dunkelgrünes Kleid mit Spitzenkragen. Auf ihrem Schoß ein kleiner Hund, der von seiner Herrin dauernd gestreichelt wird. Der Hund hebt den Kopf ab und zu hoch und versucht Augenkontakt mit seinem Frauchen herzustellen. Aber die alte Dame scheint mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein.

Ich hole einen kleinen Mal-Block heraus und fange an die Position der Menschen im Park zu skizzieren. Es ist interessant das Sitzen und Verhalten der Menschen zu beobachten und festzuhalten.

Plötzlich steht die alte Dame mir gegenüber auf und kommt zu mir und spricht mich in englisch an: "Ich habe Ihnen keine Erlaubnis gegeben, mich zu malen." Ich antworte: "Ich skizziere nur ihre Sitzposition, kein Portrait." Sie darauf: "Ah ja, meine Frisur ist vom Wind durcheinander geraten" und sie versucht schnell mit den Händen ihre Frisur zu richten. Dann fragt sie mich nach meiner Herkunft und wo ich studiere. Nachdem ich ihr kurz über mich erzählt habe, spricht sie plötzlich überraschend in Deutsch weiter.

Sie erzählt, dass sie in Deutschland geboren ist... Knapp vor dem zweiten Weltkrieg sind sie und ihre Familie nach USA ausgewandert. In der Zeit des zweiten Weltkrieges hat sich ihre Familie in den USA nicht wohlgefühlt. Sie wurden von der Gesellschaft dort ausgegrenzt . . . . . . Nach dem zweiten Weltkrieg ist sie und ihre Familie als US-Bürger in Australien eingewandert. "Am Anfang war hier alles sehr schwer". Sie erzählt viel über Krieg und das Schicksal der Menschen. Am Ende flüstert sie mir zu: "Was in Europa passiert ist, dafür bin ich nicht. Und dagegen tun konnte ich nicht viel . . . .“ Sie macht eine Gedankenpause, dann: „Wenn wir uns noch einmal treffen sollten, dann werde ich sie zum Kaffee bei mir einladen, ich backe sehr gerne. Das habe ich früher bei meiner Mutter gelernt. Sie werden meine Schwarzwälder-Kirsch-Torte probieren."

Nachdem ich von einer Rundreise an der Südküste Australiens zurück nach Sydney gekommen bin, begegne ich ihr einen Tag später im Queen-Victoria-Building. "Was für ein Zufall! Sie müssen mich zuhause besuchen, ich lade sie ein."

An dem Tag, an dem wir verabredet waren, holt mich ihr Enkelsohn am Sydney-Bahnhof ab. "Meine Grandmother ist einsam. Sie ist froh, dass ich und meine Schwester bei ihr wohnen. Wir studieren zur Zeit in Sydney. Meine Grandmother backt und kocht leidenschaftlich gerne. Sie wäre froh, wenn es ihnen schmeckt". Ich verstehe und nehme mir vor, die Dame zu loben.

Die alte Dame wohnt in einer alten aber vornehmen Gegend in Nord-Sydney. Das Haus hat sie von ihren Eltern geerbt. Es hat viele Zimmer, da es für eine ganze Familie gedacht war. Im Wohnzimmer hängen immer noch alte Fotos von ihren Großeltern, Eltern und ihr, als sie noch klein war. Sie stellt mir ihre Enkeltochter vor und erzählt, dass ihr Sohn ein erfolgreicher Winzer ist. Eigentlich sollte sie bei ihrem Sohn, ihrer Schwiegertochter und deren kleinen Kinder leben, aber das Haus ihrer Eltern will sie nicht verkaufen solange sie noch gesund ist. Sie hängt sehr an diesem Haus, zu dem es viele Erinnerungen gibt.

Sie fragt mich, wo, außer in Australien, ich schon gewesen bin. Ich erzähle, dass ich auch schon in den USA war, wo meine anderen Brüder leben, oft in China und einigen Ländern und Inseln in Europa. Dann sagt sie: "So wie ich meine Familie und meine Jugendzeit in den USA erlebt habe, möchte ich das nicht nochmal", nach einer kurzen Pause sagt sie weiter: "Ich möchte nirgendwohin verreisen, wenn dann nur kurz mit meiner Familie innerhalb Australiens. Die Welt von draußen schenkt mir sowieso nicht viel Vertrauen. Mein Zuhause ist der Platz, wo ich mich am wohlsten fühle." Ich habe den Eindruck, dass sie sehr von ihren schlechten Erfahrungen ihrer Jugendzeit geprägt ist. Nach einem Schluck Kaffee sagt sie: „Aber wenn sie irgendwohin verreisen, schreiben sie mir bitte eine Postkarte. Ich würde mich freuen und an sie denken."

Nach Kaffee und Kuchen bittet sie mich noch zum Abendessen zu bleiben. "...das Rezept habe ich von meiner Mutter, die es von ihrer Mutter hat...". Ich entscheide mich, bei der netten Dame zum Abendessen zu bleiben: Es ist eine gute deutsche Küche, die man auch in Deutschland nicht überall bekommt.

Seitdem schreibe ich ihr jedes Mal eine Postkarte von meinen Reisen.

Eine Zeit später bekomme ich überraschenderweise auch Postkarten von ihren Reisen, unter anderem zwei Postkarten aus China. Sie schreibt: ". . . . . . Die Reise war wunderbarer als ich mir vorgestellt habe. Ich bin kerngesund und unternehme viel . . . . . ." und ". . . . . . China ist eines meiner Lieblingsreiseziele geworden . . . . . . solange ich noch gesund bin, möchte ich nochmal hinreisen und mich auch in einigen anderen Ländern der Welt umschauen. . . . . . . Über die Frage, ob ich für einen Besuch zurück zu meinen Wurzeln nach Deutschland komme, muss ich noch nachdenken . . . . . . "

Vier Jahre später erhalte ich eine Nachricht von ihrer Enkeltochter, dass ihre Oma gestorben ist. Entgegen ihre früheren Meinung hat sie sechs Wochen vor ihrem Tod noch geplant, Deutschland zu besuchen.

Nachdem ich mich von der alten Dame verabschiedet habe, verlasse ich den Hyde Park.

- im Jahr 2026 - Chau Tran (Qing Lian)




(Siehe auch Dokumentation/2001/Reise/Singapur, Australien, China, Australien, Singapur)



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